Für uns verlief der Tag wie immer. Meine Frau und ich gingen der Arbeit nach, unsere Kinder waren in der Kita oder in der Schule. Am Wochenende besuchen wir in Abständen Mutter und Schwiegermutter. Beide alleinstehend und mit ihren 73 Jahren eine Generation, die sich nicht unterkriegen lässt. Unsere Kindheit war toll. Wir hatten nicht alles, das stimmt, was aber auch nicht schlimm war. Unsere Eltern erzogen uns nach den damals geltenden pädagogischen Grundsätzen, was bedeutete, hart, gerecht, herzlich und liebevoll zu sein.

Muttertag – ein Tag, der für uns „große“ Kinder immer ein wichtiges Fest war und ist. Vereinbart war der Besuch in einem wunderschönen Landgasthof zum Brunch, so dass sich unsere Mütter keine Mühe machen mussten. Während des Gespräches sackte meine Schwiegermutter zusammen, die Gesichtszüge entgleisten und ließen sich nicht mehr steuern. Sprechen war nicht möglich. Nach erster Hilflosigkeit und Schock wurde von uns gemeinsam alles unternommen, was nötig war. Mit der Diagnose „Schlaganfall“ mussten wir erst einmal umgehen lernen. Ängste waren groß, was wird kommen. Manche Diagnosen helfen nicht immer, sondern hinterlassen teilweise auch Schrecken.

In den späteren Gesprächen (meine Schwiegermutter hat sich schnell erholt) stellten wir fest, dass wir von Dingen des ganz normalen Lebens, von den Wünschen und Gewohnheiten unserer Mutter nur wenig wussten. Schon in der Diskussion mit dem Krankenhaus wurden wir aber mit solchen Fragen konfrontiert. Unsere Mutter war und ist sehr selbstbestimmt. Sie lässt sich nicht einfach „pflegerisch entmündigen“ oder alles abnehmen. Soweit es geht, möchte sie es selbst festlegen und natürlich auch selbst erledigen.

Für uns stellte sich die Frage, was passiert, wenn sie bestimmte Dinge nicht mehr kann und dies dann auch nicht mehr äußern könnte. Solche Fragen wie, was sie gern isst und trinkt, welche Medikamente sie aktuell nimmt, ob es Probleme beim Ausscheiden gibt, worauf sie beim Waschen und Pflegen achtet, könnte sie nicht mehr äußern. Das würden wir für sie tun müssen.

Wir wohnen im Ort, in dem unsere Mütter wohnen. Doch was bedeutet dies für uns, wenn Pflegebedürftigkeit größer und nachhaltiger wird, oder wenn wir nicht am Ort wohnen? Wir wollen für unsere Mütter da sein, hilft da „Pflegezeit“?

Was bedeutet, es einen Pflegedienst zu holen oder Angehörige in eine Pflegeeinrichtung zu geben? Wissen die dann nicht noch weniger über unsere Mütter?

Im Ergebnis dieser Überlegungen entstand „Die Pflegeverfügung“, denn am besten kennt man sich doch nur selbst. Sie hilft, diese Fragen so zu beantworten, wie dies Pflegeeinrichtungen benötigen, um Pflege sinnvoll und im Sinne unserer Mütter umzusetzen.

Jens Frieß
Die Pflegeverfügung